Dokumentation "Spiegelgrund"
"Spiegelgrund" ist eine Filmdokumentation über Menschen, die während des Nationalsozialismus vom Erziehungs- und/oder
Euthanasieprogramm an der Wiener Jugendfürsorgeanstalt und Kinderfachabteilung "Am Spiegelgrund" als Opfer und Angehörige betroffen
waren und es bis heute sind. Der Bogen ihrer Erzählungen spannt sich von der Zeit zwischen 1940 und 1945 bis in die Gegenwart:
Alois Kaufmann (Wien) wurde 1943 als "schwer erziehbares Kind" von der Wiener Fürsorge auf den Spiegelgrund (heute: Teil des "Psychiatrischen Krankenhaus Baumgartner Höhe") überstellt, wo er bis 1945 Zeuge furchtbarer physischer und psychischer Folterungen an Kindern und Jugendlichen wurde. Er leidet bis heute unter diesen Erinnerungen und der fehlenden politischen und gesellschaftlichen Akzeptanz für sogenannte asoziale Heimkinder.
Hermine Kaufmann (Wien) ist seit über dreißig Jahren mit Alois Kaufmann verheiratet. Der Spiegelgrund ist in ihrem gemeinsamen Alltag allgegenwärtig. Ihr Blick auf das gemeinsame Leben läßt erahnen, welchen Belastungen ihre Beziehung tagtäglich ausgesetzt ist.
Wilhelm Roggenthien (Hamburg) - damals als sogenannter "Pflegling" in den Hamburger "Alsterdorfer Anstalten" interniert - gelang es, seine 1943 nach Wien/Steinhof (heute: "Psychiatrisches Krankenhaus Baumgartner Höhe") deportierte Freundin aus der Wiener Anstalt zu befreien.
Er zeigt uns, daß mit viel Mut und einem gewissen Maß an Respektlosigkeit gegenüber Obrigkeiten selbst unter schwierigsten Umständen Widerstand gegen ein unmenschliches System möglich ist.
Antje Kosemund (Hamburg)
Ihre Schwester Irma wurde 1943 von den Hamburger "Alsterdorfer Anstalten" nach Wien deportiert und am Spiegelgrund ermordet. Nach jahrelangen Nachforschungen erfährt Frau Kosemund durch einen Zufall, daß das Gehirn ihrer Schwester gemeinsam mit den Gehirnen anderer am Spiegelgrund ums Leben gekommener Kinder und Jugendlicher in einem Raum des "Psychiatrischen Krankenhauses Baumgartner Höhe" aufbewahrt wird. Diese sterblichen Überreste von NS-Euthanasieopfern wurden bis in die 80er Jahre als Forschungsobjekte verwendet und wurden danach in einem sogenannten Gedenkraum aufgestellt.
Der Wunsch Frau Kosemunds, die sterblichen Überreste ihrer Schwester sowie jene der anderen Hamburger Opfer in Hamburg zu beerdigen, stößt bei den zuständigen Wiener Stellen weitgehend auf Unverständnis und wird zu einem nervenaufreibenden Spießrutenlauf durch die Wiener Bürokratie.
Symbolisch für den Umgang mit Täter/innen in der 2.Republik steht jener Teil der Filmdokumentation, der die steile Karriere des Dr. Heinrich Gross nach 1945 behandelt. Der 1981 von Werner Vogt vor Gericht erbrachte Nachweis, daß Gross am Spiegelgrund an der "Tötung mehrerer hundert angeblich geisteskranker Kinder mitbeteiligt" war, hatte für Dr. Gross keine Konsequenzen. Er blieb u.a. weiterhin Primar am "Psychiatrischen Krankenhaus Baumgartner Höhe" und war bis 1998 einer der meistbeschäftigten Gerichtsgutachter Österreichs.
Im krassen Gegensatz dazu steht der Umgang mit Überlebenden und Angehörigen von Opfern der NS-Euthanasie in Österreich. Bis heute besteht kein gesetzlicher Anspruch auf finanzielle "Wiedergutmachung" für alle Opfer des Spiegelgrundes.
Seit Jahren mit der Thematik befaßte Menschen stellen die Erzählungen der Betroffenen in einen weiteren historischen und gesellschaftspolitischen Kontext:
Elisabeth Brainin (Psychoanalytikerin, Wien), Peter Malina (Historiker, Wien), Wolfgang Neugebauer (Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes, Wien), Werner Vogt (Unfallchirurg, Wien), Michael Wunder (Psychologe, Hamburg).
Ihre Statements sind bewußt kurz gehalten, das Hauptgewicht liegt bei den vier direkt betroffenen Menschen.